Protest eritreischer Refugees im Todeslager Zintan

Gespeichert von Seebruecke am Mo., 10.06.2019 - 00:20

Channel 4 hat ein Video aus dem Lager Zintan, tief in der libyschen Wüste gelegen, veröffentlicht, das unter die Haut geht. In diesem Lager sind seit September 20 Menschen gestorben. Zu sehen ist in den 10 Minuten der Protest zahlreicher, überwiegend eritreischer Geflüchteter, die in diesem Lager gefangen sind. Ihre Transparente wurden mit Tomatenmark geschrieben, das sie sich vom Mund abgespart haben. Zu sehen sind die Lebensumstände im Lager, die Verteilung von einem Becher Wasser pro Person aus einem Eimer, eine stotternde Stellungnahme des EU Flüchtlingskommissars Avramopoulos und eine Stellungnahme des UNHCR-Sekretärs für Menschenrechte, Rupert Colville, der auf die Frage der Moderatorin, ob er die Verantwortung für die Ertrunkenen, die Push-Backs und die Lager bei der EU-Flüchtlingspolitik sehe, antwortet: „Yes, that is absolutely right“.

Ein 22 jähriger Eritreer gibt dem Protest seine Stimme:

„In Zintan we are dying, starving, hungry, sick.
A lot of people are developed mental disorders.
I can’t explain my feelings.
I can’t control, because we are dying!

We are detained in hell.
We are praying in our sleep.
At this time we are hopelessly desparate.
Let me comment for all the peoples in the world to know our pain.
A lot of people are dying in the detention center with untold story
underaged, innocent refugees.
All these people think they have been left here to die.“

Colville nennt ein zweites Lager, und zwar bei der libyschen Hafenstadt Koms [Al-Khums], wohin vor zwei Wochen 200 von der „Küstenwache“ eingefangene Boat-people gebracht wurden, von denen aber nur noch 30 im Lager aufgefunden werden konnten. Die anderen sind verschollen. Die meisten Lager liegen in der Nähe von Tripolis und geraten zunehmend zwischen die Fronten von Haftar- und regierungstreuen Milizen.

Colville sagt, die Zustände in den Lagern lägen „beyond the powers of the agency“. Allein die EU könne die dortigen Zustände durch eine Änderung ihrer Migrationspolitik beeinflussen. Offenbar wird UNHCR, der die Aktionen der libyschen Milizen und die Zustände in den Lagern bislang eher lautlos begleitet hat, nun nervös. Der Protest im Todeslager, die zwischen die Fronten geratenen Gefangenen und die Tatsache, dass im Lager von Al-Khums 170 Gefangene spurlos verschwunden sind, zeigt, dass die Dinge aus dem Ruder laufen.

Das sind „die Bilder, an die wir uns“ nach den Worten des ehemaligen Innenministers de Maiziere, „gewöhnen müssen“. Müssen wir das?

Die Bilder sind ein Hohn auf die Mühen der Aktivist*innen in der Seenotrettung, bei der Seebrücke und in den Solidarity Cities. Wann gibt es endlich ein Bündnis aus Stadtverwaltungen, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, UN und anderen internationalen Agenturen, um die EU-libyschen Push Backs zu stoppen und die Evakuierung der Geflüchteten aus den libyschen Lagern – nach Europa! – durchzusetzen?